Interview mit German TAP

Der Steptänzer und Choreograph Sebastian Weber arbeitet zusammen mit dem Frankfurter Regisseur und Filmemacher Stéphane Bittoun an einem neuen Stück. Es ist die erste Steptanz-Produktion, die im Rahmen des „Tanzfonds Erbe“ von der Bundeskulturstiftung gefördert wird. Für Sebastian ist das eine besondere Ehre, aber auch eine besondere Verpflichtung. GERMAN TAP interviewte ihn kurz vor Beginn der Hauptproben.

Sebastian, dein neues Stück heißt „Die Legende von Syd O’Noo“. Wer zum Henker ist Syd O’Noo?

Syd O’Noo ist der geniale, aber völlig vergessene Steptänzer, dessen Spuren unser Protagonist ausgräbt. Er war ein Zeitgenosse von Ikonen wie Chuck Green und Baby Laurence, er hing mit den Erfindern des Bebop auf der 52nd Street herum. Ich glaube, er war drogenabhängig und ein schwieriger Kerl, aber er tanzte angeblich besser als alle anderen. Und er ist verschwunden. Der Stoff aus dem Legenden sind!

Gab es diesen Syd O’Noo wirklich oder ist das eine Erfindung eures Stücks?

Sagen wir mal so: wir machen ein Stück über Legenden und bei Legenden weiß man nie so genau, was wahr ist und was hinzugedichtet. Konnte Bojangles Robinson wirklich schneller rückwärts rennen als jeder Sport-Profi vorwärts? Ist King Rastus Brown wirklich von der Bühne runter über die Straße zur Bar und zurück gesteppt zu Standing Ovations des Publikums? Die Jazz-Folklore ist voll von solchen Geschichten! Und mit unserem Stück denken wir darüber nach, was dieses „Story-Telling“ eigentlich für eine Bedeutung hat.

Also betreiben wir selbst Story-Telling. Bei Krimis heißt es oft: „Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.“ Bei uns ist es genau umgekehrt: die Personen sind echt, alle Zutaten sind authentisch. Aber wir arrangieren sie so, dass es trotzdem Fiktion wird. Wir vermischen Wahrheit und Dichtung, weil das zum Thema „Legenden“ gehört.

Du sagst, ihr betreibt „Story-Telling“. Wie kann ich mir das vorstellen? Das klingt nicht nach einem normalen Step-Konzert.

Nein, du hast recht: unser Stück ist eine wilde Mischung aus Schauspiel, Film, Tanz und live Musik. Der reine Tanzanteil ist dabei gar nicht sooo groß. Zum einen gibt es diesen Plot von einem abgehalfterten Steptänzer, der in einer Schaffenskrise nach New York fliegt, um bei seinem alten Mentor neue Inspiration zu holen und dann auf die Fährte dieser Step-Legende Syd O’Noo kommt. Das wird relativ klassisch durch Schauspiel erzählt. Viele Reiseerlebnisse und Begegnungen des Protagonisten sieht man dann aber in Filmprojektionen. Da erlebt das Publikum zwischendurch immer ein bisschen Kino. Und alles ist dann noch verwoben mit Steptanz und live Musik.

Und woher kommen die Filme? Habt ihr selbst gedreht?

Ja, wir haben eine fantastische Reise in die USA unternommen und echte Koryphäen des Steptanz interviewt. In den Gesprächen ging es um Tanzerbe, um das Verhältnis vom Lernenden zum Meister, um die Erinnerung unserer Gesprächspartner an ihre Vorbilder und Mentoren. Das ist ja eigentlich das grundlegende Thema des Stücks: wie wird Wissen weitergegeben in einer Tanzform, die eigentlich kein Repertoire pflegt. Was ist eigentlich wichtig? Die Schritte? Etwas anderes? Verändert sich das? Wie geht der Schüler mit diesem Erbe um?

Wen habt ihr interviewt?

Wir haben Maurice Hines vor der Kamera, der ja schon als kleiner Junge mit „Hines, Hines & Dad“ auf Tour war. Wir haben viel Zeit mit Brenda Bufalino verbracht, die jahrelang Partnerin von Honi Coles war. Robert Reed war ein enorm großzügiger Gesprächspartner. Ich war zutiefst geschockt, als er wenige Wochen nach unserem Interview plötzlich verstarb. Es gab noch viele andere. Ein absolutes Highlight war der Besuch bei Prince Spencer von den Four Step Brothers. Ein Mann, dessen Körper so alt ist, dass er kaum noch laufen kann, aber der so viel Tanz in sich hat, dass er von innen leuchtet. Es hat mich sehr berührt, ihn zu treffen. Ich habe sogar für ihn getanzt. Allein dafür hat sich alles gelohnt.

Wie lief das ab? Hast du da einfach angerufen und gesagt, du willst mal vorbeikommen?

Meistens, ja. Einige kannte ich schon lange, da war es einfach. Das merkt man den Gesprächen auch an. Zum Beispiel habe ich mit Brenda schon viele inspirierende Momente erlebt. Ich schätze sie sehr und sie weiß das. Wenn dann die Kamera angeht, steigt man gleich auf einem hohen Niveau ein. Mit manchen hatte ich noch keinen Kontakt, aber sie wussten, wer ich bin. Das half. Und manchmal war es auch etwas mühsam. Wir mussten auch ein paar Absagen einstecken. Eigentlich, wenn ich jetzt zurückdenke, merke ich, dass ich schon verdrängt habe, wie viel Arbeit und Nervenstress das war.

Dein Protagonist ist ein deutscher Steptänzer Mitte 40, der gerne von der Steptanzlegende Chuck Green schwärmt. Ist das ein Selbstportrait?

Nein, das Stück ist sicher kein Selbstportrait. Das wäre viel zu langweilig. Aber mein Co-Autor Stéphane Bittoun und ich, wir schreiben natürlich über Dinge, die uns etwas angehen und mit denen wir uns auskennen. Unser Protagonist steckt in einer Krise: er meint, er hat nicht genug Erfolg. Er kommt nur schwer über die Runden, fragt sich, ob er das Tanzen an den Nagel hängen soll, wünscht sich auch mehr Anerkennung. Das kennen viele Künstler in meinem Alter. Viele Tänzer hängen in der Lebensmitte den Beruf an den Nagel. Diejenigen, die weitermachen, müssen mit ihrer Kunst irgendwie wachsen. Dieser Prozess interessiert mich. Am Anfang ist man Schüler, ganz am Ende vielleicht mal Meister – aber was passiert dazwischen?

Dieser Stéphane Bittoun: wer ist das? Es ist schon das zweite Mal, dass du mit ihm zusammenarbeitest.

Genau. Stéphane ist ein fantastischer Regisseur aus Frankfurt. Er ist auch Theaterautor und Filmemacher. Er entwickelt seine eigenen Stücke aus Themen, die ihn interessieren und vermischt alle möglichen Genres in seiner Arbeit. Da sind wir uns sehr ähnlich. Aber ganz anders als ich, ist er natürlich ein absoluter Könner in Sachen Schauspiel! Sehr detailgenau, sehr bildstark. Ich liebe das und lerne viel von ihm.

Deswegen arbeiten wir auch noch einmal zusammen: die letzte Produktion „Synchronzeugen“ war ein erstes Kennenlernen. Wir mussten erstmal rausfinden, wie unsere Methoden zusammenpassen, wo wir uns gut ergänzen, wo eher im Weg stehen. Das war ein mühsamer, aber auch sehr kreativer Weg. Danach habe ich mir gedacht: da müssen wir weiter machen! Jetzt haben wir das Feld bestellt, jetzt will ich auch ernten! Diese schräge Art von Musical, die das genaue Gegenteil von Musical ist – die ist die Mühe wert.

Ihr schreibt jetzt seit einem halben Jahr an diesem Stück, habt gefilmt, seid gereist… Was hast du über „Tanzerbe“ gelernt?

Normalerweise ist es bei einer Erbschaft so, dass der Vorfahr ein Vermögen anhäuft und wenn er stirbt, geht das Vermögen auf die Kinder über. Die kriegen dann zum Beispiel ein Haus und können sehen, was sie damit anstellen.

Beim „Tanzerbe“ — zumindest im Steptanz — ist das anders: der Vorfahr gibt kaum konkrete Schritte oder Repertoire weiter. Er inspiriert seine Nachfolger. Er pflanzt da etwas ein, das später aufgeht. Manchmal ist es so, dass sich der Meister seine Schüler gar nicht aussucht. Das schmälert aber sein Erbe nicht, sondern vermehrt es nur. Die Erbschaft entsteht sozusagen durch die Weitergabe selbst.

In der Rückschau — auch auf die Gespräche mit unseren Interviewpartnern — habe ich das Gefühl, dass viele der „alten Meister“ sich selbst gar nicht als so große Künstler gefühlt haben. Manche waren neuen Ideen gegenüber sogar sehr kritisch. Da frage ich mich: was von dem, was wir in diesen Meistern sehen, ist wirklich da und was ist projiziert? Was ist wirklich von ihnen, was von uns? Das ist für mich ein neuer Blick auf die Sache.

Und mir wurde bewusst, wie viel es auch den Meistern bedeuten kann, jemand zu haben, der sie aufsucht, befragt, sich für sie interessiert. Story-Telling ist ganz zentral und es braucht immer zwei: einen der erzählt und einen der zuhört.

Irgendwie bin ich durch das ganze Projekt gleichzeitig noch ehrfürchtiger vor der Tradition geworden und gleichzeitig noch unabhängiger davon.

Premiere der Produktion „Die Legende von Syd O’Noo“ ist am 19.11.2015 im LOFFT Leipzig. Weitere Aufführungen finden in Leipzig, Berlin und Köln statt. Termine und Infos auf www.syd-o-noo.de

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