Der Syd O’Noo Faktencheck

Legenden spielen in der Folklore des Steptanz eine große Rolle und die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung verschwimmen. So auch in unserem Stück DIE LEGENDE VON SYD O’NOO. Denen, die gerne wissen möchten, was an unserem Stück denn eigentlich erfunden ist und was nicht, können wir aber einige Fragen beantworten!  Aber Achtung: falls Sie das Stück noch nicht gesehen haben, möchten Sie diese Infos vielleicht lieber hinterher lesen!

Hier also ein kurzer Faktencheck:

Den Steptänzer Earl „Groundhog“ Basie gab es wirklich und er ist tatsächlich eine legendenumrankte Figur. Alle Alten kannten ihn, aber viele Aussagen sind widersprüchlich. Es gibt weder Fotos, noch Videos von ihm. Wir waren schon ganz begeistert, als wir überraschend ein Foto bei der Bildagentur Getty’s aufstöbern konnten.

Alle zitierten Quellen sind echt, auch wenn sie sich in Details widersprechen: Max Roach, Miles Davis, Jimmy Scott und unzählige Jazz- und Steptanzgrößen haben Groundhog bewundert. Sein Name taucht oft im Zusammenhang mit dem des Tänzers Baby Laurence auf, von dem es immerhin ein paar wenige Videos gibt. Allerdings hat er nie einem weißen Soldaten ein Whiskeyglas ins Gesicht geschlagen. Diese Anekdote ist der Biographie Billie Holidays entliehen, die mit dieser Attacke auf eine rassistische Beleidigung reagierte. Auch hatte Groundhog weder mit Miriam Nelson, noch mit Caterina Valente ein „Verhältnis“. Seine „Schwäche für weiße Frauen“ haben wir erfunden, seine Drogenprobleme nicht.

Im Film-Trailer, mit dem Stéphane die Produzentin überzeugen will, sind einige Aussagen der Interviewpartner umgemünzt und ursprünglich nicht auf Groundhog bezogen gewesen. (z.b. Maurice Hines: „That’s legendary!“) Aber die biographischen Informationen zu Groundhog sind größtenteils echt und typisch für viele schwarze Künstler seiner Generation: so war es zum Beispiel üblich, ein talentiertes Kind jahrelang bei einer fahrenden Entertainer-Truppe wie den Whitman Sisters in die Lehre zu geben, auch schon im frühen Alter von sechs oder sieben Jahren. Chuck Green teilte dieses Schicksal. Das Interview, in dem Groundhog prahlt, er höre jeden Abend zwei Stunden lang einem Metronom zu, um sich neue Kombinationen auszudenken, stammt aus dem Buch „Jazz Dance“ von Marshall und Jean Stearns.

Auch der Titel „King of the Gate“ ist nicht erfunden: Groundhog hat ihn von der New Yorker Zeitschrift „Village Voice“ erhalten. Und zwar als Überschrift der Rezension eines Auftritts im Jazzclub „Village Gate“, bei dem Groundhog Chuck Green zum „Duell“ herausforderte, worauf dieser sich scheinbar nicht wirklich einließ. Offenbar war Groundhog betrunken. Trotzdem muss er sensationell getanzt haben und die Schlagzeile vom „King of the Gate“ klingt keinesfalls ironisch.

Was aus Groundhog geworden ist, konnten wir nicht herausfinden.

Wahr ist, dass Europa für viele schwarze Künstler attraktiv war, weil sie hier weniger Rassismus erdulden mussten, und dass viele Jazzer nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen. Wichtige Orte waren die Stützpunkte des amerikanischen Militärs, die eigene Casinos unterhielten, in denen die Entertainer Arbeit fanden.

Der Tänzer, mit dem Caterina Valente in den 60ern zwei Filme machte, war aber nicht Groundhog, sondern John Bubbles – der Mentor Chuck Greens. In einem der Filme (Liebe, Tanz und Tausend Schlager) tanzte auch Carnell Lyons mit, der später in Berlin lebte und viele jüngere deutsche Steptänzer beeinflusste.

Alle Anekdoten über Chuck Green sind tatsächliche Erinnerungen Sebastians. Auch die Version, Groundhog habe aufgehört zu tanzen, nachdem Chuck in einem Steptanzmarathon 37 1/2 Stunden lang steppte, hat Chuck genau so erzählt. Es gab noch viele weitere Anekdoten, aber dann wäre das Stück noch länger geworden…

Chuck Green war mit seinem Partner James Walker als „Chuck & Chuckles“ sensationell erfolgreich, bis er 1944 in ein psychiatrisches Krankenhaus kam, wo er 15 Jahre lang blieb. Aber auch nach seiner Entlassung blieb er als Steptänzer präsent und genoss allerhöchsten Respekt unter seinen Kollegen.

Sebastian wäre ohne Chuck Greens Unterstützung nicht Steptänzer geworden, aber ihr Verhältnis war nicht das von Mentor und Protegé. Das haben wir zugunsten unserer Story zugespitzt.

Anders als im Stück behauptet, starb Chuck bereits am 07. März 1997. (Für die Freunde von Kabbala: an Sebastians 25. Geburtstag.)

Miriam Nelson lebt tatsächlich direkt neben den Filmstudios in Hollywood, aber sie hatte nie mit Groundhog zu tun und vor allem ist sie kein bisschen verwirrt oder dement! Im Gegenteil ist sie die charmanteste 96jährige, die man sich vorstellen kann und begeisterte uns mit ihrem jugendlichen Humor!

Der Besuch bei Prince Spencer war ein Highlight unserer Reise. Das Interview ist authentisch, nur die Nähe zu Drogen haben wir ihm zu Gunsten unserer Geschichte untergejubelt. Er hatte nie mit Drogen zu tun. Prince verstarb wenige Monate nach unserem Besuch.

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Syd O’Noo hat es nie gegeben und es gibt auch keine 12 Routines, aber verschiedene alte Steptanzmeister haben ihr Wissen in „Routines“ gepackt. So zum Beispiel der große Henry LeTang, den Maurice Hines im Interview erwähnt, oder Leon Collins, der eine wichtige Schule in Boston hatte.

Ach ja, zum Glück stecken weder Sebastian als Steptänzer noch Stéphane als Regisseur und Filmemacher in einer Schaffenskrise – und sie haben auch nicht, wie in unserer Geschichte- fremde Kreditkarten geplündert, um quer durch die USA zu reisen… Danke, Tanzfonds Erbe 😉

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